Myoelektrische Armprothese

Myoelektrische Armprothesen – Chronik einer Versorgung II

In unserer Orthopädietechnik fertigen wir Prothesen für jede Lebenslage. Hierzu zählen selbstverständlich auch Armprothesen, wobei wir drei verschiedene Typen unterscheiden: Die passive oder Habitus-Prothese, die das äußere Erscheinungsbild wiederherstellt und Haltungsschäden durch Gleichgewichtsstörungen entgegenwirkt, die Eigenkraft-Prothese, die über Kraftzugbandagen bewegt werden kann, und letztlich die sogenannte myoelektrische Prothese. Letzte Woche haben wir im ersten Teil bereits ausführlich über diese Art der Prothese berichtet – das reicht uns aber noch nicht! Lesen Sie hier den zweiten Teil unseres Blogartikels rund um die Prothesenversorgung unserer langjährigen Kundin Frau Da Cuhna.

Vertrauen ist gut, Engagement ist besser
Der Weg zur neuen Prothese hin ist dabei, wie bei so vielen medizinischen Hilfsmitteln, die erst einer Bewilligung durch die Krankenkasse bedürfen, allein schon aufgrund des hohen Verwaltungsaufwandes ein langwieriger. „Die Krankenkasse möchte dann natürlich immer ganz genau wissen: ‚Wieso eigentlich genau diese Prothese und nicht eine andere?‘ Die möchten wissen, warum ich nicht zum Beispiel einfach nur eine kosmetische Prothese nehme“, sagt Frau Da Cuhna. Auch der Preis ist natürlich so eine Sache: Der Kostenfaktor ist mit um die 100.000 Euro sehr hoch. Dafür erhält der Prothesenträger allerdings auch ein State-of-the-Art-Produkt, das nicht nur reine Kosmetik und Balancegewicht ist, sondern durch flexible Einsatzmöglichkeiten einen großen Mehrwert im Alltag darstellt.

Bei solch einem High-End-Gerät muss also schlüssig argumentiert werden, warum genau dieses Modell das richtige für die Patientin ist. Bei Unfallopfern ist der Fall zudem oft zusätzlich verzwickt, da die Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers ebenfalls beteiligt ist. „Das ist oft ein Kampf“, berichtet Herr Betz. „Krankenkassen gehen zwar immer in Vorleistung, aber die möchten sich dann bei einem lebenslangen Schaden natürlich auch das Geld vom Versicherer zurückholen. Da reicht es oft nicht, wenn man als Patient sagt: Ich bin Unfallopfer, ich brauche bitte ein Hilfsmittel. Manchmal sind da nicht nur wir als Sanitätshaus beteiligt, sondern auch Reha-Berater und, wenn es sein muss, sogar der Anwalt, der der Krankenkasse schreiben muss. Da müssen eine ganze Menge Leute Hand in Hand agieren.“ Bei der Antragstellung ist das Sanitätshaus Tingelhoff seinen Kund*innen jedenfalls stets behilflich und begleitet selbstredend auch Im Zuge des Versorgungsprozesses die Kommunikation mit Dritten. Frau Da Cuhna weiß, dass sie sich hier voll und ganz auf Herrn Betz und die Kolleg*innen aus der Orthopädietechnik verlassen kann.

Man merkt, dass sich hier ein starkes Vertrauensverhältnis gebildet hat. Die persönliche Betreuung und die Zusammenarbeit auf Augenhöhe sind – in Verbindung mit der handwerklichen Expertise und dem persönlichen Engagement von Herrn Betz und Kolleg*innen – sicher mit der Grund, warum Frau Da Cuhna die diversen Termine, die für die Anpassung der Prothese vonnöten sind, gelassen über sich ergehen lässt. Gut Ding will eben Weile haben, wie der Volksmund sagt – ein abgedroschener Spruch, dem aber eben bisweilen eine große Portion Wahrheit innewohnt.

Gigantischer Funktionsumfang
Dass der ganze Aufwand sich für Frau Da Cuhna gelohnt hat, zeigt sich jedenfalls bereits jetzt: Ihr erster Eindruck von der neuen Prothese ist ein positiver. „Dieses Mal habe ich den Eindruck, viel schneller gut mit der Prothese zurecht zu kommen.“ Das besondere Gefühl, das die Prothese ihr vermittelt, beschreibt sie so: „Man hat als amputierte Person ohnehin vom Kopf her das Gefühl, man hätte die biologische Hand noch. Man hat auch den Phantomschmerz noch. Und hier sieht man jetzt, da ist wirklich ein Arm. Also das ist nicht mein Arm, das weiß ich wohl, aber das Gefühl ist einfach unbeschreiblich gut. In dem Augenblick, wo ich die Prothese trage, habe ich auch gefühlt weniger Schmerzen. Außerdem kann ich durch die Prothese das rechte Schulterblatt spüren und kann die komplette rechte Seite besser entspannen.“ Wie bereits angemerkt, herrscht ohne die Prothese durch die Amputation eine Imbalance, die zu Verspannungen führen kann.

Am meisten freut sie sich darauf, zukünftig mit dieser Prothese wieder Dinge tun zu können, die ihr vorher unmöglich waren. „Besonders in der Küche. Dass man beim Gemüseschneiden etwas festhalten und ein Messer benutzen kann, das wäre eine große Erleichterung.“ Zur Unterstützung solcher Tätigkeiten kommen dann die besagten Apps zum Einsatz, die verschiedenste Einstellungsmöglichkeiten im häuslichen Umfeld bieten. Möglich machen dies Bluetooth-Chips, die sogenannten „Grip-Chips“, die an jedem gewünschten Ort installiert werden können. Sie führen einen Griff in der Prothese herbei, sobald sich die Hand dem Grip-Chip annähert oder der Grip-Chip zweifach angetippt wird. Auf diese Weise erlauben sie die Verwendung eines geeigneten Griffes genau dort, wo der Prothesenträger ihn anwenden möchte. Mit der App kann man die Chips individuell programmieren. Mit anderen Worten teilen also Sensoren in den jeweiligen Räumlichkeiten der Prothese mit, wo ihr Träger sich gerade aufhält, und schalten die entsprechenden Funktionen und Stellungen im Arm frei. „Auch am Arbeitsplatz macht das viel aus“, erklärt Andreas Betz. „Wenn ich zum Beispiel am PC sitze, kann ich den Arm in eine bestimmte Stellung bringen und die Hand dort positionieren, wo ich sie brauche.“

Geduld haben, am Ball bleiben
Kurzum: Ganz schön viel Funktion, ganz schön viel Technik. Kein Wunder, wenn hier alles bis ins kleinste Detail angepasst, eingestellt und programmiert wird. Bei unserem letzten Termin wurden noch letzte Anpassungen an der Passform des Schafts vorgenommen. Davor kümmerte man sich zudem noch um finale Einstellungen an den Elektroden: Je nachdem, wie die Sensitivität der Elektroden eingestellt ist, können sie selbst schwächste Impulse aus den Muskeln aufnehmen. Übertreibt man es hier, kann es zu Übersteuerungen kommen; ist die Empfindlichkeit dagegen zu gering, rührt sich die Prothese nicht. Hier ist also viel Fingerspitzengefühl gefragt.

Nach dem Termin hieß und heißt es dann für Frau Da Cuhna: Üben, üben, üben! Denn den Umgang mit einer solchen Prothese – nicht nur die Steuerung über Muskelimpulse, sondern auch vermeintlich simple Dinge wie das An- und Ablegen des neuen Hilfsmittels – lernt man nicht über Nacht und will trainiert werden. Da können schon mal Wochen und Monate vergehen.

Dabei ist die Versorgung noch nicht beendet: In den nächsten Schritten wird eine Verkleidung für den gesamten Arm angepasst und Frau Da Cuhna erhält zudem einen individuellen Handschuh, der die Technik im Innern verdeckt. Inzwischen gibt es Handschuhe in allen denkbaren Größen und Farbtönen, die sich harmonisch ins Körperbild integrieren.

Wir sind gespannt, wie es weitergeht, und werden die Versorgung weiter begleiten und die Fortschritte im Umgang mit der Prothese dokumentieren. Wenn alles klappt (und Corona uns lässt), werden wir Frau Da Cuhna demnächst sogar zu Hause besuchen dürfen, um mal nachzuschauen, wie sie inzwischen so mit ihrer neuen Begleiterin im Alltag zurechtkommt. Wir sind zuversichtlich, drücken die Daumen und bedanken uns recht herzlich bei allen Beteiligten für die überaus interessanten Einblicke!

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