Myoelektrische Armprothesen – Chronik einer Versorgung I

In unserer Orthopädietechnik werden bekanntermaßen seit jeher Prothesen für jede Lebenslage angefertigt. Hierzu zählen selbstverständlich auch Armprothesen, wobei wir im Prinzip drei verschiedene Typen unterscheiden: Die passive oder Habitus-Prothese, die das äußere Erscheinungsbild wiederherstellt und Haltungsschäden durch Gleichgewichtsstörungen entgegenwirkt, die Eigenkraft-Prothese, die über Kraftzugbandagen bewegt werden kann, und letztlich die sogenannte myoelektrische Prothese.

Myoelektrische Armprothesen können als Goldstandard in der modernen Prothetik verstanden werden. Sie arbeiten mit der verbliebenen Muskulatur des Armstumpfes und werden über Muskelsignale gesteuert, die mittels Elektroden in myoelektrische Signale umgewandelt und unmittelbar in eine Bewegung von Arm und Hand übersetzt werden. Das An- und Entspannen von Beuge- und Streckmuskeln sendet also entsprechende Muskelsignale, die von einem Prozessor per Hautelektrode in Steuersignale umgerechnet werden. Aktoren (mit anderen Worten Motoren) sorgen dann für Bewegung. Für die Energieversorgung ist ein leistungsstarker Akku zuständig.

Da myoelektrische Prothesen ebenso fortschrittlich wie komplex sind, ist eine entsprechende Versorgung auch für unsere erfahrenen Orthopädietechniker immer ein Highlight – und für den Laien gewiss noch ungleich faszinierender. Umso schöner, dass wir die Versorgung unserer langjährigen Kundin Frau Da Cuhna ein wenig begleiten und in verschiedenen Stadien beobachten durften.

Eine besondere Versorgung für eine besondere Kundin

Frau Da Cuhna ist Regierungsbeschäftigte im Controlling- und Strategiebereich und bereits seit 2004 Kundin im Sanitätshaus Tingelhoff. Seit einem unverschuldeten Verkehrsunfall ist sie oberhalb des rechten Ellbogens amputiert. Mit dem Verlust eines Großteils ihres rechten Arms gehen selbstverständlich verschiedene Einschränkungen einher. Davon abgesehen, dass sie als Rechtshänderin diesen Arm nicht nutzen kann, wird seither naturgemäß der linke Arm übermäßig stark belastet. Die neue Prothese kann für beide Probleme in gewissem Umfang Abhilfe schaffen – über das Gewicht, die Funktion sowie über das sensorische Feedback bei Anwendung.

Aber eins nach dem anderen! Nachdem sie schon zwei andere Prothesen von uns bekam – einmal ohne Elektrik im Ellbogen, „body-powered“ per Bandzug, danach eine modernere samt elektrischem Bedienen des Arms – ist es nun an der Zeit für eine neue Armprothese. Zwar verfügte ihr letztes Modell bereits über eine elektrische Steuerung, war aber bei weitem noch nicht so fortschrittlich wie die Prothese, die ihr nun angepasst wird. Wie sie auf die neue Möglichkeit der Prothesenversorgung aufmerksam wurde, kann Frau Da Cuhna dabei schnell und eindeutig beantworten: „Das habe ich Andi zu verdanken, der sich immer über die aktuellsten Entwicklungen auf dem Laufenden hält.“
Andi, das ist Andreas Betz, Abteilungsleiter in der Orthopädietechnik und seit vielen Jahren bei Tingelhoff tätig. Er kümmert sich von Anfang an um Frau Da Cuhna und hält stets die Augen nach Versorgungen auf, die seinen Patient*innen nützlich sein können. „Man versucht, dem Patienten so viel Funktion zurückzugehen, wie es eben geht. Mit solch einem myoelektrischen Oberarm kann man hier viel erreichen.“

Die Wahl fiel hier das Prothesenpassteil Utah Arm 3+ der Firma Ortho-Reha Neuhof und ein Handpassteil des Herstellers Össur. Der Utah Arm 3+ weist 1 kg aktive Hebekraft auf; bei gesperrtem Gelenk ist es hiermit sogar möglich, bis zu 23 kg zu heben und zu halten. Neben dem eigentlichen Ellbogengelenk und den Armstücken selbst besteht die Prothese zudem aus dem Schaft, der genau an den Stumpf angepasst wird. Der Innenschaft wurde für dieses Modell sogar per hochmodernem 3D-Druckverfahren hergestellt. Die Elektroden werden dann so verbaut, dass sie die betreffende Muskulatur optimal erreichen können. „Letztlich sind Bizeps und Trizeps die beiden Muskeln, die die Prothese steuern“, erklärt Andreas Betz. „Klar gibt es auch Patienten, die dort keinen Tonus haben, da nimmt man dann oft die Schulter als alternative Quelle für den Myostrom, den der Muskel aussendet, aber im Normalfalle sind es Bizeps und Trizeps.“

Dass eine solche Versorgung nicht über Nacht erledigt wird, ist dabei mehr als verständlich. Immerhin muss die gesamte Prothese perfekt auf ihren Anwender abgestimmt sein. Wie viele Details berücksichtigt werden müssen, realisiert man dagegen erst, wenn man sich die zahlreichen Einzelschritte vergegenwärtigt, aus der solch eine Versorgung besteht. So auch bei Frau Da Cuhna: Nicht nur der myoelektrisch bewegliche Arm ist ein Alleinstellungsmerkmal und muss entsprechend eingestellt und immer wieder nachjustiert werden, auch die Hand verfügt über eine Funktion und wird elektrisch gesteuert. Und gerade bei zierlicheren Personen ist es oft schwierig, eine Hand „von der Stange“ zu finden.

Funktion und gute Optik? Hand drauf!

„Letztendlich war die Funktion der Hand immer das Schwierige in diesem Fall. So lange, wie Frau Da Cuhna jetzt schon amputiert ist, hatten wir das Problem, dass es keine passenden Hände gab. Da sie sehr zierliche Hände hat, war selbst die kleinste verfügbare Erwachsenenhand in der Vergangenheit zu groß und zu schwer. Teilweise hatten wir da beim Passteil einen Längenunterscheid von um die fünf Zentimetern von Arm zu Arm“, berichtet Herr Betz.

Früher musste man diesen Umstand leider in Kauf nehmen, weil es keine andere Versorgungsmöglichkeit gab. Glücklicherweise hat sich hier in letzter Zeit einiges getan. Bei Besuchen der Weltmesse der Orthopädie in Leipzig stieß Herr Betz auf eine neue Handprothese. Die i-Limb Quantum von Össur bietet motorisierte Finger, eine Blockierfunktion sowie eine Gestensteuerung, durch die mit einfachen Bewegungen des Armes verschiedene Griffe aktiviert werden können.

Darüber hinaus wartet die Prothese mit einem umfangreichen digitalen Zubehörpaket auf. „Da musste ich sofort an Frau Da Cuhna denken. Insbesondere die App-Steuerung für die Nutzung im Bereich des häuslichen Umfelds sowie in der betrieblichen Arbeitsstätte ist eine enorm nützliche Innovation.“ Verschiedene Funktionen und Bewegungsabläufe können hier direkt einprogrammiert werden – eine große Erleichterung im Alltag!

„Ich wollte auf jeden Fall immer eine funktionsfähige Prothese haben, mit der ich so viel wie möglich machen kann“, kommentiert Frau Da Cuhna. Die neue Prothese ermöglicht ihr nicht nur das Bewegen des Ellbogens und der Hand, sondern sogar der Finger. Sie verfügt über einen konformen Griff, der sich für optimalen Halt dem zu greifenden Objekt anpasst, einen rotierenden Daumen und variable Griffkraft. „Ein einfaches Zugreifen und Halten war schon mit den alten Modellen möglich. Dass jetzt aber einzelne Finger beweglich sind, ist eine Funktion, die es noch nicht so lange gibt“, so Andreas Betz.

Funktion ist ein Schlagwort, das verständlicherweise so gut wie alle Prothesenträger interessiert. Wenn die Funktion fehlt, denken diese oft, sie seien ohne Prothese besser dran, da es bisweilen einfacher ist, sich mit dem verbliebenen Arm zu behelfen, als sich umständlich eine Prothese anzulegen, deren Nutzen lediglich kosmetischer Natur ist. „Viele Patienten sagen sich dann ‚die ziehe ich gar nicht an‘, wenn die Funktion nicht gegeben ist“, weiß unser Kollege aus Erfahrung. Die neue Prothese dagegen soll nun eine echte Erleichterung bringen.

Weiter geht es nächste Woche im zweiten Teil unseres Blogbeitrages!

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